
Ministerpräsident Erdogan wird am Flughafen wie ein Popstar empfangen, die türkische Presse jubelt von ihren Titelseiten - die Ergebnisse des Brüsseler EU-Gipfels werden in der Türkei mit Begeisterung aufgenommen. Auch wenn viele fürchten, dass die Zugeständnisse an die EU zu weit gehen.
Oktober nächsten Jahres sollen die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beginnen. „Wir haben es geschafft“ lautet die Schlagzeile der großen türkischen Tageszeitung Hürriyet.
Das Blatt schreibt: „Die Türkei hat das Datum für den Beginn von Verhandlungen bekommen. In einem knochenharten Verhandlungsringen haben wir nicht alles bekommen, was wir wollten, aber wir haben auch nicht bei allem nachgegeben, was man von uns verlangt hat.“
„Wir sind jetzt auch dabei“, freut sich die Zeitung Milliyet auf der Titelseite und zitiert die Abschiedsworte von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Brüssel: „Bye, bye, wir kommen wieder.“
"Meine Tochter ist arbeitslos, da wird ihr die EU auch nicht helfen"
Die Erdogans Regierung nahe stehende Zeitung Yeni Safak meint zu dem dramatischen Durchbruch auf dem Brüsseler EU-Türkei-Gipfel vom Vortag: „Ein historischer Schritt, ein historischer Schachzug.“
Alle türkischen Blätter schildern das dramatische Ringen um die Frage einer formellen Anerkennung der griechisch-zyprischen Republik Zypern durch Ankara, die den Brüsseler Gipfel fast zum Scheitern gebracht hatte.
Wenig Beachtung finden hingegen die von der Türkei geforderten Beschränkungen etwa in Fragen der Freizügigkeit für türkische Arbeitskräfte nach einem EU-Beitritt.
Viele Türken fürchten, dass ihre Regierung zu nachgiebig ist. Zum Beispiel im asiatischen Teil Istanbuls, im Kleine-Leute-Stadtteil Beykozin: "Ach Europa", stöhnt Sule Sarikaya, "meine Tochter hat studiert und ist trotzdem arbeitslos, da wird ihr auch die EU nicht helfen." Die Händlerin hat wenig Hoffnung, dass sie von den Segnungen einer türkischen EU-Mitgliedschaft je profitieren wird.
"Die Europäer sind nicht aufrichtig zu uns"
"Eine Menschenkette" von der türkischen Stadt Bolu am Schwarzen Meer bisnach Brüssel würde der Friseur Karpuz organisieren, wenn dies helfen würde, den türkischen Premier Tayyip Erdogan zu unterstützen. Karpuz glaubt, "die Europäer sind nicht aufrichtig zu uns".
Vor allem ärgert den Barbier, dass die EU-Regierungschefs die Türkei so sehr drängten, zuerst Zypern anzuerkennen, bevor die Verhandlungen beginnen könnten. "Erst einmal soll die EU ihre Zypern-Versprechungen halten", schimpft der Mann.
Damit meint der Türke die immer noch nicht eingetroffene EU-Finanzhilfe für die türkischen Nordzyprer, die im April für die Wiedervereinigung der Insel gestimmt hatten - im Gegensatz zu ihren griechischen Nachbarn.
"Europa wird dann verlieren"
"Erdogan kann in Brüssel mit der Faust auf den Tisch schlagen und das ganze türkische EU-Projekt in den Kühlschrank schieben, wir würden ihn trotzdem wieder wählen", sagt Karpuz. "Aber Europa wird dann verlieren", findet der 35-Jährige, der in Tübingen geboren wurde. Er war fünf Jahre alt, als seine Eltern in die Türkei zurückkehrten.
"Ich denke, die Europäer werden uns immer hinhalten", sagt eine Frau, die findet, Erdogan habe für das türkische EU-Begehren "schon zu viele Zugeständnisse gemacht". Aber, meint die fröstelnde Frau, "es wäre schön, wenn es doch irgendwie klappen könnte mit der EU".
Sueddeutsche Zeitung